Was man beim Löcher bohren für's Leben lernen kann

Du kennst sie vielleicht auch, die Handwerker, die einen immer wieder durch eine so tiefgründige, wie alltagstaugliche Weisheit überraschen.
Ich habe das Glück, einen solchen Handwerker zu Hause zu haben. Und ab und zu werken wir zusammen. Sowieso beim Umbau unseres Hauses. Nun wollten wir am letzten Samstag zusammen unsere Kellergestelle zusammensetzen. Die Holzplatten und Leisten standen, zugeschnitten in allen Grössen, bereit. 
Über 100 Löcher gab es zu bohren. Und ich war bereit, meinen Teil zu leisten.
Nicht nur mein Mann, auch ich selbst war etwas genervt, als ich nach dem Anzeichnen aller Bohrstellen bemerkte, dass ich mit jedem Gang die vorgesehene Stelle um ein paar Millimeter mehr verpasste.
"Du kannst nicht ein vorgezeichnetes Stück nehmen und die Striche von da aus weiterziehen. Du musst jedesmal neu messen", erklärte mir der geprüfte Handwerker. Hätte ich nicht gedacht, sah ich aber ein. Es ist wie beim Erzählen von Geschichten. Mit jedem Weitererzählen passiert es, dass sich die Geschichte weiter vom Original entfernt. Ein anderes Wort, eine andere Betonung, eine andere Interpretation, und schon geht das Erzählte in eine neue Richtung.
Wir wechselten also den Job. Mein Mann korrigierte die verschobenen Markierungen und ich übernahm das Bohren. Doch schon nach wenigen Leisten zeigte sich: Ich bohrte total schräg. Oben war das Loch schön in der Mitte, aber unten kam es seitlich raus. Mann, das ärgert.
Diesmal kam ich selber auf die Lösung. Ich darf beim Bohren nicht auf die Einstichstelle schauen, sondern muss mit meiner Vorstellung dahin gehen, wo der Bohrer auf der anderen Seite herauskommen soll. In die Weite denken, das half tatsächlich. Es ist eigentlich wie im grossen Leben. Man muss an einem Ort stehen und ganz da sein, ganz da ansetzen. Aber gleichzeitig ist es wichtig, vor Augen zu haben, wohin man will und was dabei herauskommen soll.
Ich staune - was man beim Löcher bohren alles lernen kann.