Reduce tot he max
 
Ich liebe die Stille der Nacht
die Dunkelheit
in der das Ende der Welt
nur noch drei Schritte entfernt ist…
 
Ich gebe es zu, ich muss Sorge tragen, dass ich mich von der Fülle der Welt nicht überfordern lasse.

Was es alles zu sehen, zu geniessen, zu tun, zu überlegen und zu haben gäbe: Reisen rund um die Welt, tolle Einrichtungen für die neue Wohnung, Freizeitangebote für jede Stunde des Tages und der Nacht, spannende Bücher und Filme, Konzerte und Theater, und so weiter.

Der Spass-Kultur gegenüber steht das reale Geschehen in nächster Nähe. Menschen, die plötzlich ernsthaft krank sind, die ihre Arbeit verloren haben, die um eine Liebe trauern, die sich vor der Zukunft fürchten, die ihre Orientierung in der Welt verlieren, die spüren, wie ihre Kräfte schwinden. Die Corona-Infektionen, die wieder steigen. Die Angst um Lücken in der Energieversorgung über den Winter.

Und ich lese die Zeitung, schaue die Tagesschau (ja, es gibt tatsächlich noch Leute, die fernsehen und nicht netflixen) und nehme Anteil am Geschehen in der Welt: Die Frauen und Männer protestieren gegen ihre Unterdrückung im Iran. Die Menschen in der Ukraine kämpfen um ihre Freiheit gegen die russischen Aggressoren. In England müssen sich Menschen entscheiden, ob sie ihr abgewertetes Geld lieber für das Heizen oder für Essen ausgeben wollen. Im Pazifik versinken die ersten Inseln im ansteigenden Meer. Die Jugendgewalt hat wieder zugenommen. Eine Katastrophe jagt die andere. Von den Hungernden in Afrika sprechen wir schon gar nicht mehr. Aber sie sind noch da.

Ich finde es wichtig, die Augen nicht zu verschliessen vor all dem, was ganz in der Nähe und auch in der Ferne geschieht. Wir sind Menschen in einer Welt. Alles hängt eng zusammen – wie es uns geht – wie es den Menschen auf der anderen Seite der Welt geht. Das ist Globalisierung.

Und doch – es muss auch Zeiten geben, in denen sich meine Welt nach innen kehrt. Zeiten, in denen es nicht um alle Sorgen und Nöte meiner Nächsten und auch nicht um den ganzen Weltfrieden geht, sondern nur um den ganz kleinen Frieden in mir und mit mir. Wenn ich die Welt nicht retten kann, will ich mich auch nicht daran erschöpfen und verzweifeln.

Dann spüre ich die Ruhe und den Frieden in mir. Die Freiheit des Seins, irgendwo, ganz tief verborgen, an einem Ort, der unzugänglich ist für alles, was von Aussen kommt. Dann endet die Welt drei Schritte von mir entfernt. Das ist das Geschenk der Stille.

Ich lebe mehr, wenn ich mich nicht verliere, in all dem, was es noch zu sehen, zu geniessen, zu tun, zu überlegen und zu haben gäbe. Reduce to the max. Was die Veränderungen der Welt für Ansprüche an uns stellen werden? Wir werden wohl mit weniger auskommen müssen. Mit viel weniger. Das wird nicht einfach. Aber es wird gehen.

Das ganze Gedicht zur Stille in der Nacht findest du hier.