Wo ist das Januarloch
In meinem Januar klafft ein grosses Loch. Es fehlt etwas. 
Es fehlt das Januarloch. 

Lese ich die Zeitung nicht aufmerksam genug? Bin ich zu wenig in Geschäften unterwegs? Oder hat es in dieser Zeit keinen Platz für ein Loch? Ist zu viel los? Herrscht in diesem Jahr keineLeere im Portemonnaie? Gibt es zu viele Unglücksmeldungen, Katastrophen und Skandale, so dass in den Medien kein Platz bleibt für dieses Loch, das für mich irgendwie zum Januar gehört? 

Gut, Loch ist ein negativ besetzter Begriff. Lücke wäre vielleicht freundlicher, Leere, Pause, oder sowas. Ich mag Pausen - eigentlich überall. Sie schaffen einen lebendigen, wunderbaren Rhythmus.

Beim Singen mag ich die ganz unerwarteten Pausen am liebsten. Wenn es, zum Beispiel kurz vor Schluss des Liedes, eine Verzögerung gibt - absolute Stille - angehaltener Atem - Spannung - bevor der Schlussakkord erklingt - aahh, eine Art Erlösung, alles ist aufgegangen, der Schlusspunkt ist gesetzt. An einem Konzert folgt dann noch so ein ergreifender Moment der gefüllten Stille: Nach dem letzten Ton - eins, zwei, drei, vier Sekunden Nichts - bis der Applaus einsetzt. Einmal habe ich erlebt, dass genau in dieser Sekunde im Publikum ein Natel klingelte. Das muss man mal fertigbringen - genau im entscheidenden Moment.

Vor langer Zeit, als ich versuchte, Klavier zu lernen, waren die Pausen jeweils meine Rettung. Ich sass in der Klavierstunde vor dem Piano( neben mir die unglaublich geduldige Lehrerin) und hatte wieder einmal nicht geübt, oder nur noch eine halbe Stunde vor dem Unterricht. Ich spielte also ab Blatt, zweihändig, ohne wirkliches Talent. Das war enorm anstrengend. Notenlesen habe ich sehr gut gelernt. Klavierspielen nicht. Ich schaffte es bis zu "Spiel mir das Lied vom Tod" von Ennio Morricone. Kennst du es? Daa, da, daa, da, daa, da, daa, da, daa, da, daaaa, Pause... Ich durfte es so schön langsam und mit viel Herzschmerz spielen. Den Anfang kann ich heute noch auswendig klimpern.

Aber zurück zum Januarloch. Es geschehen so viele unbeschreiblich unverständliche Dinge rund um die Welt. D
ieser unbegreifliche Krieg in der Ukraine, wo Menschen (wahrscheinlich vor allem Männer, ob sie wollen oder nicht), aufeinander schiessen und Bomben fallen lassen, die sich nicht Feind sind. Spielfiguren auf dem Schachbrett von Mächtigen. Darüber gibt es jeden Tag zu berichten. Wie lange noch? Und wie lange wird es brauchen, all die Wunden zu heilen?  Da geschieht soviel Ungeheuerliches, und wenn wir ehrlich sind, geschieht schon seit Jahrzehnten Ungeheuerliches rund um die Welt, wohl immer schon. Warum ist der Mensch zu soviel Gewalt und Hass und Gier fähig? Warum entwickeln wir für alles immer bessere Lösungen, nur für diese menschlichen Konflikte und Abgründe nicht? Warum kann man alles updaten, ausser die ins Böse verirrten menschlichen Gehirnzellen?

Wenn nicht die Politik Schlagzeilen macht, dann ist es der Sport. Fussball, Tennis und Eishockey haben unterdessen das ganze Jahr Saison. Auf Wetter und solche Nebensächlichkeiten kommt es nicht an. Und sollte das Spiel keinen Unterhaltungswert haben, sind es die Besitzer von Vereinen, die für Schlagzeilen sorgen. Mich friert beim Gedanken, dass ich ein Besitztum eines finanzkräftigen Investoren sein könnte. Brrrrrr...

Ich wünschte mir einfach ein Nichts, Stille, Schweigen lange Weile, Pause, Leere. Dass mal nichts läuft. Oder alles rund läuft. Dass die Zeitungen Papier sparen, im Radio Musik die Zeit zwischen zu kurzen Nachrichten ausfüllen muss und auf Sozial Media Ebbe herrscht. Zeit zum Füllen mit Träumen und neuen Ideen, guten Worten und heilsamen Taten. Wenigstens im Januar hätten wir doch ein Loch verdient, bevor das Tempo des Lebens wieder anzieht.