Alltagspoesie

Gedichte beschreiben das Leben

Ein Gedicht kann etwas ausdrücken, was man in einer langen Erklärung nicht besser auf den Punkt bringen könnte, weil es etwas andeutet und durchblicken lässt, weil es zwischen den Zeilen die Emotionen mitschwingen lässt. Was die Dichterin oder der Dichter anfängt, wird durch den Leser oder die Leserin vollendet. Erst die Lesende füllt die Andeutungen auf mit den eigenen Gedanken und Gefühlen. Darum spricht das Gedicht nicht nur mit ihr sondern auch von ihr.
Diese Erkenntnis ist nicht von mir, sondern von Hilde Domin, einer wahren Künstlerin der Poesie.

Lebenslinien


Die Jahre des Lebens
haben Spuren geschliffen
in den Lauf meiner Zeit
der Strom fliesst am leichtesten
entlang der gewohnten Wege
schlängelt sich am einfachsten
durch die ausgewaschenen Pfade
nun braucht es alle Energie
um auszubrechen
Land zu überfluten
neue Wege zu bahnen
das Ziel zu finden
im Fluss der Zeit
irgendwann
um sich der
Unendlichkeit des Meeres
zu überlassen

Irene Meyer Müller

Der Botaniker, Herr Kraus

Der Botaniker, Herr Kraus,
kannte sich mit Pflanzen aus.
Streifte gerne durch die Felder.
Spazierte stundenlang durch Wälder.
Stets im Schlepptau mit dabei,
Frau Kraus und Kinder, alle drei.
Wo immer sie vorüberkamen,
zitierte Vater gleich den Namen,
und dies in Deutsch und in Latein
als Schulung für die Kinderlein.
Herr Kraus kam stets sehr schnell in Schwung,
beflügelt von Begeisterung,
die er doch zu spüren dachte,
weil der Nachwuchs grosse Augen machte.
Beim Vortrag und im Vorwärtsgehen
hat’ er eine Kleinigkeit wohl übersehen:
Die kleinen Dinger, die in den Kinderohren steckten,
lassen sich unbemerkt mit dem Handy konnekten.
So konnten die Jungen ihre Musik geniessen,
während sie die Reden über sich ergehen liessen.
Und Herr Kraus sich verzweifelt die Hände rieb,
weil so wenig bei ihnen hängen blieb.

Irene Meyer Müller

Heute leben

Ich möchte meine Tage leben,
als würd’ es heut kein morgen geben.
Ich möchte sie mit Freude füllen
und jede Sehnsucht einzeln stillen.
Und manchmal möchte’ ich mich beklagen
und alles Werden hinterfragen.
Ich möchte flink mein Werk verrichten,
mich frei zum achtsam sein verpflichten.
Und tanzen würd’ ich gern – und singen,
mit lieben Menschen Zeit verbringen.
Unbändig sein, verlässlich bleiben,
die Angst mit Zuversicht vertreiben.
In gutem Boden Wurzeln schlagen,
mich weit hinauszulehnen wagen.
Im Dunkeln mich geborgen fühlen,
wie Mäuse in der Tiefe wühlen.
Ich möchte jeden Tag so leben,
als müsst’ es heut kein morgen geben.

Irene Meyer Müller

Das Schreiben ist mein Druckventil

Das Schreiben ist mein Druckventil
dass ich nicht explodiere
wenn ich im Leben allzuviel
von Ort zu Ort, von Wort zu Wort
von Tat zu Tat spaziere
 
Bevor der Kopf zu platzen droht
ist Schreiben meine Medizin
mach eine Schreibkur aus der Not
werf Satz für Satz auf das Papier
und such im Knäuel nach dem Sinn
 
den ich schon fast vergessen
etwas beruhigt sich dann in mir
Entflechtung der Interessen
dass ich ins Chaos Ordnung bring
und so den Faden nicht verlier
 
Ist Überdruck dann abgebaut
kann ich mich wieder spüren
ertrag die Welt, auch wenn sie laut
und kann mein Leben frohgemut
und friedlich weiterführen

Irene Meyer Müller