Alltagspoesie

Gedichte beschreiben das Leben

Ein Gedicht kann etwas ausdrücken, was man in einer langen Erklärung nicht besser auf den Punkt bringen könnte, weil es etwas andeutet und durchblicken lässt, weil es zwischen den Zeilen die Emotionen mitschwingen lässt. Was die Dichterin oder der Dichter anfängt, wird durch den Leser oder die Leserin vollendet. Erst die Lesende füllt die Andeutungen auf mit den eigenen Gedanken und Gefühlen. Darum spricht das Gedicht nicht nur mit ihr sondern auch von ihr.
Diese Erkenntnis ist nicht von mir, sondern von Hilde Domin, einer wahren Künstlerin der Poesie.

Mitten in den Tag

Mitten in den Tag
bau ich mir
ein Luftschloss
in dem wir
auf Träumen tanzen
und uns
mit Worten liebkosen
als wären wir
Königskinder
im Paradies.
Irene Meyer Müller

Winter


Raureifstarre Gräser
knistern unter meinen Füssen
kalter Wind zieht um die Nase.
Wie seltsam,
dass mein Herz
voller Wärme
jauchzt.

Irene Meyer Müller

Dreizeiler

Mitten im Unterholz
habe ich meine Hoffnung wiedergefunden
dass sich der Weg von selbst findet.

Irene Meyer Müller

Samichlausgedicht

S' esch donkel doss
und better chalt
det of de Stross
gsehn ech e Gschtalt
es Eseli lauft näbethär
s'treit es Säckli
zemli schwär.
De Samichlaus
zieht wacker us
und haltet fascht
bi jedem Hus.
Er chond zo allne
gspannte Chend
wo scho set langem
planget hend.
Samichlaus, ech freu mi so
dass du de Wäg guet gfonde hesch

dass du so veli Bsüechli machsch
und au zo eus is Hus cho besch.
Irene Meyer Müller

Worte in der Stille

Die Stille füllen
mit Worten
die sich ihren Raum
nehmen
in diesem offenen
Augenblick
fern vom
alltäglichen Gesorge
als wäre hier
ein anderer Stern
als wäre jetzt
eine andere Zeit
als wäre ich
frei
und
grenzenlos
verbunden.

Irene Meyer Müller